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Samstag, 20. Dezember 2014, 20:19

Das perfekte Herz


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Eines Tages stand ein junger Mann mitten in der Stadt und erklärte, dass er das schönste Herz im ganzen Tal habe. Eine große Menschenmenge versammelte sich und sie alle bewunderten sein Herz, denn es war perfekt. Es gab keinen Fleck oder Fehler in ihm. Ja, sie gaben ihm Recht, es war wirklich das schönste Herz, das sie je gesehen hatten. Der junge Mann war sehr stolz und prahlte noch lauter über sein schönes Herz. Plötzlich tauchte ein alter Mann vor der Menge auf und sagte: „Nun, Dein Herz ist nicht mal annähernd so schön wie meines!“ Die Menschenmenge und der junge Mann schauten das Herz des alten Mannes an. Es schlug kräftig, aber es war voller Narben, es hatte Stellen, wo Stücke entfernt und durch andere ersetzt worden waren. Aber sie passten nicht richtig und es gab einige ausgefranste Ecken... genau gesagt... an einigen Stellen waren tiefe Furchen, wo ganze Teile fehlten. Die Leute starrten den alten Mann an: Wie kann er behaupten, dass sein Herz schöner sei? Der junge Mann schaute auf des alten Mannes Herz, sah dessen Zustand und lachte: „Du musst scherzen“, sagte er,„Dein Herz mit meinem zu vergleichen. Meines ist perfekt und Deines ist ein Durcheinander aus Narben und Tränen.“ - „Ja“, sagte der alte Mann,„Deines sieht perfekt aus, aber ich würde niemals mit Dir tauschen. Jede Narbe steht für einen Menschen, dem ich meine Liebe gegeben habe. Ich reiße ein Stück meines Herzens heraus und reiche es ihnen und oft geben sie mir ein Stück ihres Herzens, das in die leere Stelle meines Herzens passt. Aber weil die Stücke nicht genau sind, habe ich einige raue Kanten, die ich sehr schätze. Denn sie erinnern mich an die Liebe, die wir teilten. Manchmal habe ich auch ein Stück meines Herzens gegeben, ohne dass mir der Andere ein Stück seines Herzens zurückgegeben hat. Das sind die leeren Furchen. Liebe geben heißt manchmal ein Risiko einzugehen. Auch wenn diese Furchen schmerzhaft sind, bleiben sie offen und auch sie erinnern mich an die Liebe, die ich für diesen Menschen empfinde. Ich hoffe, dass sie eines Tages zurückkehren und den Platz ausfüllen werden. Erkennst Du jetzt, was wahre Schönheit ist?“ Der junge Mann stand still da und Tränen rannen über seine Wangen. Er ging auf den alten Mann zu, griff nach seinem perfekten Herz und riss ein Stück heraus. Er bot es dem alten Mann mit zitternden Händen an. Dieser nahm das Angebot an und setzte es in sein Herz. Er nahm dann ein Stück seines alten Herzens und füllte damit die Wunde in des jungen Mannes Herz. Es passte nicht perfekt, da es einige ausgefranste Ränder hatte. Der junge Mann sah sein Herz an, nicht mehr perfekt, aber schöner als je zuvor, denn er spürte die Liebe des alten Mannes in seinem Herzen fließen. Sie umarmten sich und gingen weg, Seite an Seite.
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Angel44

Sonnenanbeterin

  • »Angel44« ist weiblich

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Wohnort: Koblenz

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2

Freitag, 22. Mai 2015, 08:27

Beim stöbern gefunden... ohh wie schön ist diese Geschichte.. macht einen direkt nachdenklich
wünsche Euch einen schönen Tag

khadija

HEXE!!! HEXE!!! HEXE!!! & Administrator

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3

Freitag, 22. Mai 2015, 19:19

:hi2: Ich danke dir für die Wünsche :00: ....auf geht's in ein (hoffentlich) sonniges Pfingstwochenende - ich wünsche euch jedenfalls eins von Herzen!


@Amira, bitte mehr von solch schönen Geschichten! :girli:

4

Sonntag, 31. Mai 2015, 22:05

Der Held am Fenstert

Held am Fenster

Die Seite mit den Stellenangeboten war zusammengefaltet in Mikes Hosentasche und wartete darauf, von ihm gelesen zu werden. Motivationslos schob er den Putzwagen durch den Flur und dachte einmal mehr daran, wie eintönig und unbefriedigend dieser Job war. Tagaus, tagein die Böden im Kinderkrankenhaus zu wischen, dabei mit kaum jemandem ein Wort zu wechseln und am Ende des Monats ein spärliches Gehalt zu kassieren gehörte nicht zu den Dingen, bei denen man es morgens kaum erwarten konnte, endlich zur Arbeit zu kommen.

Mike verdrängte, dass er es bei keiner seiner zahlreichen Arbeitsstellen länger als ein paar Monate ausgehalten hatte, und das lag nicht nur an seiner mangelnden Qualifikation. Ihm war klar, dass er mit einer abgebrochenen Lehre keinen Managerposten erwarten konnte, aber er wollte wenigstens eine Arbeit, die ihm einigermaßen Spaß machte.

Während er darüber nachgrübelte, ob er bei seinem Schwager in der Autowerkstatt nach einem Job fragen sollte, schaute er wie zufällig in das Fernsehzimmer und stellte fest, dass alle Kinder vor dem Fenster standen und begeistert kreischten und winkten. Draußen stand auf einem Gerüst ein Fensterputzer, der ein Supermankostüm trug und eben in diesem Moment vor den aufgeregten kleinen Patienten seine Muskeln spielen ließ. Selbst Mike musste lächeln, als er den Superhelden eine Weile beobachtete und für einen Moment schoss ihm durch den Kopf, dass dieser Job sicherlich auch kein Zuckerschlecken war. Nicht nur, dass man keine Höhenangst haben durfte, der Typ musste auch noch die Kinder bespaßen, während er die Fenster reinigte.

Mike hätte den Superhelden am Fenster beinahe vergessen, doch als er sich eine Stunde später vor dem Krankenhaus eine, wie er meinte, wohlverdiente Zigarette anzündete, sah er den Fensterputzer, der gerade dabei war, seine Utensilien in einem Lieferwagen zu verstauen. Ohne lange nachzudenken, sprach Mike den Mann an: „Man, ich hoffe, dass Sie wenigstens gut dafür bezahlt werden, hier in Verkleidung in halsbrecherischer Höhe Fenster zu reinigen. Hat sich das Ihr Chef ausgedacht?“
Der Angesprochene drehte sich um, lächelte und schüttelte den Kopf. „Das mit den Superheldenkostümen war meine eigene Idee.“
„Sie machen das freiwillig?“, entfuhr es Mike. Er betrachtete den Mann von Kopf bis Fuß. Er war ungefähr Anfang fünfzig, das Haar war bereits leicht ergraut und die ersten Falten waren unübersehbar.

„Meine Frau näht die Kostüme“, antwortete er. „Ich habe ein Batman-, ein Spiderman-, und dieses Supermankostüm hier. Ich wechsele die Kostüme jedes Mal, wenn ich hierher komme.“
Mike starrte ihn mit offenem Mund an. „Warum tun Sie das?“, wollte er wissen. Er bot dem Mann eine Zigarette an, doch dieser lehnte mit einem Kopfschütteln ab.

„Wissen Sie“, begann er, während er die Stiefel aus- und seine normalen Schuhe anzog, „mein Sohn ist im Alter von sechs Jahren in einem Krankenhaus wie diesem hier gestorben. Das ist jetzt fast elf Jahre her. Ich glaube, es hätte seinen Alltag im Krankenhaus heller und strahlender gemacht, wenn er ab und zu einen „Superhelden“ am Fenster hätte beobachten können. Die Kinder, die hier Patienten sind, besonders jene, die für lange Zeit an einem solchen sterilen Ort ausharren müssen, sehnen sich nach etwas, was ihre Welt bunter und fröhlicher macht. Sie müssen so viel über sich ergehen lassen und sie haben oft Angst. Ich finde, sie haben es verdient, dass jemand sich Zeit dafür nimmt, damit sie wenigstens ab und zu etwas Besonderes erleben.“

„Oh“, war alles, was Mike herausbrachte. Er presste es in einem Tonfall heraus, als hätte er soeben etwas Kostbares zertreten. „Es… es tut mir leid, falls es sich so angehört an, als würde ich mich über Sie lustig machen“, sagte er leise.
Der Mann lächelte gutmütig, verabschiedete sich und stieg in seinen Wagen. Mike schaute ihm hinterher und ein kaltes Gefühl der Scham stieg in ihm auf als ihm klar wurde, dass er in all den Wochen, in denen er schon im Krankenhaus beschäftigt war, kaum einen Gedanken an die Kinder verschwendet hatte. Er fühlte sich gedemütigt und ganz klein, so als wäre seine Haut plötzlich mehrere Nummern zu groß für ihn.

Und auch am Abend, nachdem es ihm nicht gelungen war, die Gedanken an den selbstlosen Mann abzuschütteln, der etwas so liebevolles für kranke Kinder tat, fühlte er sich wertlos. Sein Leben war so belanglos, so unverbindlich… wann hatte er etwas Nettes für einen anderen getan? Einfach so, ohne etwas dafür zu verlangen?
Es dauerte lange, bis Mike in den Schlaf fand. Und als er nur wenige Stunden später aufwachte schoss ihm plötzlich durch den Kopf, dass es doch möglich sein müsste, den Putzwagen in so etwas wie ein Piratenschiff verwandeln zu können…

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Montag, 1. Juni 2015, 00:23

Wunderbare Geschichte! Danke Amira... :welt: :blumen_smilie:
:katze:

Es ist was es ist sagt die Liebe. Erich Fried

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